„Wetten dass…“ und das Drama, das nicht sein musste…

Und ein nicht ganz üblicher Artikel von mir. Ich warne nur schon einmal im Voraus.

Was hatten unsere Medien die letzte Woche schon groß zu berichten? – Bei WikiLeaks gab es lang nichts Neues (bis gestern zumindest), der Kachelmann-Prozess zieht sich weiter hin und Stuttgart 21 entwickelt sich eh zur neverending-story. Wie gut, dass da der Samstagabend mit „Wetten dass…“ kam.

Für alle die, die die letzten Tage hinter dem Mond verbracht haben und so eventuell tatsächlich nicht wissen, was da passiert ist: Als erster Wettekandidat des Abends verletzte sich der 23-jährige Samuel K. bei dem Versuch, über Autos zu springen, schwer. Die Sendung wurde daraufhin zuerst unterbrochen und dann das erste Mal komplett abgebrochen.

So viel dazu.

Objektiv gesehen könnte man meinen, dass das ZDF wirklich kompetent reagiert hat: Sofort nachdem klar war, dass sich der Kandidat schwer verletzt hatte, schwenkte die Kamera weg und zeigte fortan nur noch das Publikum, nicht aber den Verletzten. Kurz darauf spielte die Regie irgendwelche Musikclips von Auftritten vergangener Sendungen ein (wobei man sich darüber streiten kann, ob „You can win the race“ von Modern Talking so die beste Wahl war…).
Als sich Thomas Gottschalk dann wieder zu Wort meldete, war Samuel K. schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sender entschied sich dennoch dafür, die Sendung abzubrechen. Thomas Gottschalk begründete es damit, dass er nicht auf heiter machen könne, wenn niemand mehr heiter sei.

Zugegeben, die Szenen am letzten Samstag waren dramatisch, und natürlich bewegten sie die Öffentlichkeit in gewisser Weise. Leider riefen sie auch zwei der nervigsten, hartnäckigsten und meisten leider auch dümmsten Erscheinungen auf den Plan, die man sich eigentlich denken kann…

1) Die Internetvollidioten

Oh, das Internet ist wirklich eine tolle Erfindung, keine Frage. Es wäre auch mehr als heuchlerisch, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Aber der Deckmantel der Anonymität und die Möglichkeit, alles zu allerzeit frei kommentieren zu können, lockte auch eine ganze Reihe von Menschen auf den Plan, die eigentlich nicht zu sagen haben, es aber trotzdem tun. Unterstützt werden sie dabei von einem IQ unter Zimmertemperatur und einer Sprachgewandheit eines Grundschülers (und nicht selten auch den entsprechenden Fähigkeiten in Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik).

Natürlich sind nur Minuten nach dem Unfall schon die ersten Videos des Sturzes auf youtube zu sehen. Und in den Kommentaren herrscht Krieg. Natürlich war keiner dabei gewesen, aber alle wissen besser, was da nun genau passiert ist. Und wer sich nicht darüber streitet, der führt Grundsatzdiskussionen. Weil die Welt grau und leer ist.
Die einen sind sich sicher, dass Thomas Gottschalk schuld ist, keine Frage. Die anderen behaupten, „Wetten dass…“ sei einfach so niveaulos geworden, da sie viel zu gefährliche Wetten akzeptieren, um sich gegen den großen bösen Feind RTL durchzusetzen.

Und natürlich wird auch über den Abbruch der Sendung diskutiert. Wirklich erschreckend fand ich persönlich die Leute, die den Abbruch der Sendung als „vollkommen nutzlos und übertrieben“ empfanden. Einige kündigten sogar Beschwerdebriefe an das ZDF an, da sie ja immerhin GEZ-Gebühren bezahlen und dann auch das geliefert bekommen wollen, was sie erwarten. Das Verhalten von ZDF und den Moderatoren sei „überdramatisch“ und „unprofessionell“ gewesen und sowieso, alles doof.

Da weiß man gar nicht, was man diesen kosumgewohnten, hedonistischen, faulen Individuen eigentlich entgegnen soll. Am besten gar nichts, da sie Kritik an der eigenen Person wahrscheinlich sowieso nicht annehmen. Diese Leute, die frei nach dem Sprichwort „Und nach mir die Sinflut“ ihr Leben fristen, sprechen von einem „pseudo-moralischem“ Entschluss des ZDF und kritisieren sogar das Wegdrehen der Kamera, mit der Begründung, dass am nächsten Tag sowieso alle Bilder in der Zeitung seien (was dann zwar nicht das ZDF zu verantworten hat, aber hey… logisches Denken! Wer braucht das schon?).
Ebenso amüsant schmerzhaft interessant ist die Begründung, dass bei Skirennen, Fußballspielen oder Boxkämpfen ja auch nicht gleich bei jedem Wehwehchen abgebrochen würde – wobei sich mir weder der Zusammenhang von Wehwehchen und der Verletzung des Kandidaten erschließt, noch der Vergleich von „Wetten dass…“ mit Boxkämpfen und co. Aber gut.
Bewegt sich ungefähr bei der Behauptung, dass so ein Unfall ja keinen interessieren würde, wäre er nicht im Fernsehen zu sehen gewesen. (Was schon im Sinne der Wortbedeutung falsch ist – Interesse, auch fehlendes, setzt voraus, dass man das, worum es geht, kennt. Wäre es nicht im Fernsehen gewesen, würde es die breite Masse einfach nicht kennen, was mit Interesse an sich zunächst einmal herzlich wenig zu tun hat)

Wem bei so viel geballter Dummheit noch immer nicht der Kopf schmerzt, dem empfehle ich einen Blick auf die Fans, die nach dem Abbruch erbost twitterten, dass sie jetzt sofort Justin Bieber sehen wollen, weil sie ansonsten Amok laufen. Immerhin hat Justin Bieber selbst getwittert, dass er die Entscheidung für richtig empfand und forderte seine Fans auf, für den Verunglückten zu beten. (Und wow, wer hätte gedacht, dass ich einmal ausgerechnet Justin Bieber hier auf meinem Blog verlinke?)

Etwas beunruhigend fand ich auch vereinzelte Reaktionen von Take That-Fans. Vor allem von denen, die die 30 schon deutlich überschritten haben… aber Intelligenz und Einsicht hängen eben nicht unbedingt vom Alter ab.

Natürlich gab es dann noch die anderen üblichen Verdächtigen: Die einen, die sich darüber aufregten, dass manche sehr schockiert auf die Szene reagierten, und die anderen, die alles schrecklich lustig fanden („LOL, voll auf die Fresse gefallen, ROFLCOPTER“), von denen ich die letzte Gruppe eigentlich erschreckender fand.

Aber als ob diese geballte Masse der Hirnrissigkeit noch nicht genug gewesen wäre, kam danach noch das, was wir alle liebten…

2) Die Medien

Die, die das wahre Drama erst erschufen.
Und was hatten sie für ein Fressen gefunden ♥
Endlich mal ein bisschen Drama, das man platttreten konnte. Und ich gebe zu, ich war auch interessiert daran, wie es dem Verletzten geht, aber doch nicht in Dauerschleife. Ob man wollte oder nicht, es wurde ständig wieder und wieder erwähnt, was passiert war. Dazu dann Interviews mit den Bewohnern des Heimatdorfes des Kandidaten und den Moderatoren der Show.

Besonders erwähnenswert sei hierbei der journalistisch hochwertige Artikel einer österreischichen Zeitung, der so brilliant peinlich ist, dass er eigentlich keines weiteren Kommentars bedürft.

Den Vogel schoss aber natürlich wieder einmal die BILD ab.

Neben Überinformation, was den Unfallhergang angeht, werden wir zusaätzlich mit zahlreichen nutzlosen Vermutungen („Wird Samuel gelähmt bleiben?“ – Na, wenn wir das wüssten, dann bräuchten wir keine Ärzte) überhäuft, gefolgt von ebenso nutzlosen Diskussionen. War das ZDF verantwortlich? – Naja. Der Kandidat ist alt genug zu wissen, was er tut, und solange das ZDF ihn zu nichts gezwungen hat, finde ich die Schuldfrage eigentlich zweifelsohne geklärt. Etwas ganz anderes ist die Frage nach der Versicherung – aber um da durchzusteigen, muss man wahrscheinlich juristisch etwas bewandert sein. Da ich das nicht bin, möchte ich auch nicht mutmaßen, was da wirklich passieren könnte oder nicht.

Gipfel des Nervfaktors, was Überdramatisierung und Nutzlosigkeit angeht, ist der Artikel, den ich heute auf GMX.net erblickte: „Warum Gottschalk jetzt aufhören sollte!“
Weil Gottschalks Beruf als Moderator und der Unfall  offensichtlich in einem stark kausalen Zusammenhang stehen. Ja. Wie auch immer.

Ich denke aber, ich habe meinem Hass auf manche Idioten genug Luft gemacht. Eigentlich ist der Blog ja auch zu etwas ganz anderem da…

Aber ein paar abschließende Worte noch.

Liebe Medien,
Ich freue mich für euch, dass ihr endlich etwas Dramatisches gefunden habt, über das ihr en détail berichten könnt, aber… muss das sein? Nach tausenden von gleichen Meldungen, die sich wieder und wieder wiederholen, hat sicherlich auch die Mehrheit der interessiertesten Menschen irgendwann genug. Man kann eine Nachricht auch nur bis zu einem gewissen Grad ausschlachten. Hirnrissige Vermutungen und vollkommen zweck-, gegenstands- und sinnlose Diskussionen helfen dabei wirklich auch nicht.
Irgendwann ist dann auch mal gut.

Und zu den vielen Menschen da draußen, die alle sicherlich eine ganz tolle Meinung haben, die ich ihnen auch nicht nehmen will. Aber mal ganz ehrlich: Logisches Denken hilft. Und nein, man muss kein existenzbedrohendes Drama aus dem Ganzen machen, solange man nicht wirklich etwas mit dem Verunglückten zu tun hat.
Ich persönlich bin froh, dass ich beim Anblick des Unfalls und des Verletzten bestürzt war. Einfach, weil es zeigt, dass ich nicht komplett gefühlsarm bin. Und Empathie ist sicherlich etwas, das gerade in unserer Zeit nicht von Nachteil ist. Im Gegenteil.

So. Mein Wort zum Mittwochabend. Das nächste Mal geht es wieder gewohnt mit mir und Geschichten vom Pferd weiter.

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Eine Antwort zu „Wetten dass…“ und das Drama, das nicht sein musste…

  1. Anne schreibt:

    Wahre Worte…
    Ich kann’s auch nicht mehr hören, dabei hab ich es erst Sonntag Abend mitbekommen, da ich vorher einfach nicht zu Hause war… -____-
    Aber es ist so typisch Mensch und Medien…

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